03.04.2011

SBB ohne Steckdosen, WLAN und Verständnis für Kunden

In den Schweizer Zügen hat das moderne Leben offenbar noch nicht Einzug gehalten. Internetzugänge sind eine Rarität – und zudem ein Privileg für besser Reisende.

Gerade einmal 75 Wagen der ersten Klasse sind mit WLAN ausgestattet. Und die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) scheinen bei dem Thema Internet-Knappheit ein wenig ratlos.

Es gibt noch nicht einmal Steckdosen

Wer SBB-Reisender der 1. Klasse ist, könnte Glück haben; alle anderen Passagiere haben noch nicht einmal den Hauch einer Chance während der Fahrt im Internet zu surfen. Die Züge der SBB sind sehr spartanisch mit einem drahtlosen Internet-Zugang ausgestattet. Gerade einmal 75 Wagen der ersten Klasse verfügen über sogenannte Business-Zonen. WLAN wird beschränkt angeboten auf den Strecken Zürich–Bern, Genf–Lausanne sowie Bern–Thun.

Man könnte den Eindruck bekommen, dass die SBB Technik meide. Selbst Steckdosen sind kein Standard in den Schweizer Fernverkehrszügen. Da scheint es nur konsequent, dass man seinen Reisenden auch keinen Internetzugang anbietet. Die Technik sei noch nicht so weit, hieß es, als SBB und der Mobilfunker Swisscom erste WLAN-Tests durchführten. Das war im Jahr 2003. Andere Netzbetreiber wie Sunrise oder Orange hatten aufgrund technischer Unklarheiten von Anfang an kein Interesse gezeigt.

SBB gibt sich optimistisch

Die Schwierigkeit besteht darin, dass mit steigender Zug-Geschwindigkeit die Qualität der Daten-Übertragung abnimmt. Zudem hängt die Surf-Geschwindigkeit vom verfügbaren Netz ab (Edge, UMTS oder HSPA). Dennoch ist SBB-Sprecher Jean-Louis Scherz optimistisch: „In der Schweiz ist die mobile Netzabdeckung besser als im Ausland. Die technische Entwicklung im Mobilfunk und bei den mobilen Endgeräten ist rasant. Ein allfälliger Ausbau wird in Abstimmung mit den Providern vollzogen.“

Dass das Mobilfunknetz vielerorts zu langsam ist und Funklöcher die Datenübertragung stören, wird von Scherz nicht erwähnt. Zudem ist es aufgrund der vielen Berge in der Schweiz unmöglich, ein flächendeckendes Netz auszubauen. Aus diesem Grund verfügen Züge auf der Nord-Süd-Achse über keinen Internet-Zugang – und das wird wohl auch so bleiben.

Anderen Länder weit voraus

Das Ausland scheint weniger Probleme mit Technik und Topographie zu haben. Bereits 2005 statteten die Deutsche Bahn (DB) und die Telekom Deutschland die ersten ICE-Züge zwischen Köln und Dortmund mit WLAN aus. Aktuell (Alle Angaben Stand Oktober 2011) können Reisende in 69 ICE-Zügen auf insgesamt rund 1.500 Kilometern des ICE-Netzes im Internet surfen. Im Februar 2011 beschloss die DB, die Streckenkilometer auf 5.000 Kilometer auszuweiten. Das würde der Länge des gesamten schweizerischen Bahnnetzes entsprechen.

Auch in französischen Zügen gibt es seit 2008 WLAN-Zugänge. Im selben Jahr präsentierte VIA Rail Canada seinen Passagieren einen Internetzugang zwischen Toronto, Ottawa, Montreal und Quebec. Sowohl die Franzosen als auch die Kanadier nutzen die Satellitentechnik des Anbieters 21Net. Eine Antenne auf dem Wagendach empfängt das Signal und speist es ins interne WLAN-Netzwerk des Zugs. Fällt die Satellitenverbindung aus, greift das System auf ein Mobilfunknetz oder ein terrestrisches WLAN zurück.

Es gibt es doch: WLAN in Schweizer Zügen

Die SBB ist noch weit entfernt von solchen Netzwerken. Dennoch betont Sprecher Scherz gegenüber NZZ online, dass die Kundenbedürfnisse bekannt seien und ins zukünftige Angebot einfließen sollen. Wie viel die WLAN-Umrüstung eines Zugs koste und wer wie viel am mobilen Internet verdiene, wollte die SBB nicht verraten.

Doch einen Lichtblick im Schweizer Zugverkehr gibt es: Die 59 neuen Intercity-Doppelstockzüge von Bombardier sollen an allen Plätzen über WLAN verfügen. Ab 2013 sollen die Züge zwischen St. Gallen und Genf sowie zwischen Romanshorn und Brig fahren.

Autor: ES